Epistemisches Vertrauen
Epistemische Vertrauen wird in der neueren Entwicklung des Mentalisierungskonzepts zu einer zentralen Größe (Fonagy et al. 2014, 2015). Es bahnt eine Entwicklung in der Psychoanalyse von der Triebtheorie über die Bindungstheorie hin zu einer Kommunikationstheorie.
Fonagy & Luyten (2016) spezifizieren den Begriff des epistemischen Vertrauens in Hinsicht auf Pädagogik und Psychotherapie:
Der Begriff stammt von den Linguisten und Kognitionswissenschaftlern Sperber und Wilson und geht auf die Relevanztheorie von P. Grice zurück:
Epistemisches Vertrauen ist das basale Vertrauen in eine Person als sichere Informationsquelle (Wilson et al. 2010, Wilson & Sperber 2012). Es ist das Vertrauen, das eine Information wahr, relevant und nützlich ist.
- Epistemisches Vertrauen wird als entscheidend für soziales Lernen, Anpassung an soziale Kontexte und psychische Gesundheit betrachtet.
- Kinder entwickeln epistemisches Vertrauen zunächst gegenüber ihren Bezugspersonen: Sie lernen, dass Informationen, die sie von ihnen erhalten, ihnen helfen, die Welt zu verstehen.
- Sicher gebundene Kinder entwickeln dabei ein gesundes epistemisches Vertrauen; unsicher oder traumatisch gebundene Kinder dagegen oft Misstrauen oder übermäßige Leichtgläubigkeit.
Epistemisches Misstrauen und psychische Störungen Menschen mit Persönlichkeitsstörungen (z. B. Borderline-Persönlichkeitsstörung) zeigen oft epistemisches Misstrauen. Das kann dazu führen, dass sie Ratschläge, Feedback oder Fürsorge nicht nutzen können, obwohl diese hilfreich wären.
Typische Einschränkungen des epistemischen Vertrauens
- Epistemisches Misstrauen
Man glaubt jemand anderen nicht, selbst wenn die Informationen zuverlässig und wohlmeinend sind.
Häufig bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen oder Persönlichkeitsstörungen (z. B. Borderline).
- Epistemische Leichtgläubigkeit
Möglich nach traumatischen Erfahrungen, bei unsicherer Bindung oder bestimmten psychischen Erkrankungen.
Forschung zum Zusammenhang zwischen epistemischem Misstrauen und epistemischer Leichtgläubigkeit
Epistemisches Misstrauen und epistemische Leichtgläubigkeit schließen sich nicht gegenseitig aus.
Es gilt also nicht: Wer misstrauisch ist, ist nicht leichtgläubig oder wer leichtgläubig ist, ist nicht misstrauisch. Studien (Campbell et al., 2021; Fonagy et al., 2021) zeigen: Epistemisches Misstrauen und epistemische Leichtgläubigkeit sind psychologisch unterschiedliche Dimensionen, aber sind nicht einfach Gegensätze auf einer Linie.
Kindliche Traumata und unsichere Bindung können dazu führen, dass Menschen beide Extreme entwickeln: + starkes Misstrauen gegenüber „offiziellen“ Quelle + gleichzeitige Anfälligkeit für charismatische Persönlichkeiten oder Gruppen.
Eine Erklärung: Das Bindungssystem sucht verzweifelt nach Sicherheit. + Wenn keine stabile Vertrauensbasis da ist, können Menschen in eine Art „Alles oder Nichts“-Haltung kippen. Menschen, die epistemisch misstrauisch sind, können gleichzeitig auch in anderen Situationen leichtgläubig werden.
Beispiel: So misstraut jemand stark Ärzten, glaubt aber einem Heilpraktiker mit „Geheimwissen“.
Zusammenhang zwischen Epistemischen Vertrauen und Mentalisierung
Von Geburt an öffnen Blickkontakt, geteilte Aufmerksamkeit und „Ammensprache“ Kommunikationskanäle, die die Aufmerksamkeit lenken und das Vertrauen des Kindes in die Wichtigkeit und Generalisierbarkeit von Informationen (Csibra & Gergerly 2009, 2011) fördern. Dabei fungieren „Türöffner“ (sog. „Ostensive“ Zeichen/Hinweise) als Trigger für epistemisches Vertrauen.
Sichere Bindung und affektive Resonanz bedeutender Bindungspersonen erleichtern den Erwerb von epistemischem Vertrauen. Epistemisches Vertrauen ist die Grundlage der Entwicklung eines Selbst, das sich als selbstwirksam erlebt. Es ist die Grundlage zur Entwicklung von Mentalisierung (s. Abb. 1) und sozialer Intelligenz.

Abb. 1 (in Anlehnung an Fonagy 2017)
Mentalisierung erweitert die Möglichkeiten sozialen Lernens erheblich. Die Mentalisierungsfähigkeiten wirken wiederum positiv auf den Erwerb und die Stabilisierung von epistemischem Vertrauen und epistemischer Vigilanz (Wachsamkeit). Bei einer ungünstigen Entwicklung (s. Abb. 2) stehen am Anfang des Lebens zum Beispiel Vernachlässigung, Gewalt oder sexueller Missbrauch. Bedeutende Bezugspersonen, auf die das Kind angewiesen ist und ohne deren Unterstützung das Kind verloren ist, werden als nicht berechenbar, schlimmstenfalls als bedrohlich und feindselig erlebt.

Abb. 2 (in Anlehnung an Fonagy 2017)
Bei dieser Erfahrung ist die Entwicklung von epistemischem Vertrauen eingeengt, eine extreme Wachsamkeit (Hypervigilanz) entsteht. Im Selbst wird durch die widersprüchlichen Erfahrungsanteile der Aufbau kohärenter Strukturen erschwert. Anteile eines „Fremden Selbst“(s. dort) bilden sich verstärkt. Auf dieser Basis wird die Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit eingeschränkt. Dies führt zu einer erhöhten Vigilanz. Epistemisches Misstrauen ist häufig mit einem schnellen Wechsel zu einer erhöhten Leichtgläubigkeit verbunden.
Diese theoretischen Zusammenhänge haben in der Therapie praktische Konsequenzen: Wenn z. B. ein Patient in einer Therapie kontinuierlich misstrauisch und dadurch nicht aufnahmewillig erscheint, sollte der Therapeut in Erwägung ziehen, ob nicht das epistemische Vertrauen stark eingeschränkt ist. Die Annahme, dass es am „guten Willen“ des Patienten liegt, ist eine Deutung, die zwar für den Therapeuten eine gewisse Entlastung liefert, aber in die Irre führen kann. Nicht der Patient ist schwierig, der Patient ist nur für den Therapeuten schwer zu erreichen.
Epistemisches Vertrauen & Informationsreduktion
Epistemisches Vertrauen hilft uns, die Informationsflut zu filtern. Warum brauchen wir Informationsreduktion?Niemand kann alle Informationen gleichwertig aufnehmen und prüfen. Wir müssen entscheiden: Welche Informationen sind glaubwürdig? Welche Informationen sind für mich relevant? Welche Informationen ignoriere ich lieber?
Epistemisches Vertrauen wirkt wie ein Filter, der das Gehirn entlastet: Weniger Informationsstress. Mehr Sicherheit im Umgang mit Wissen: Ohne diesen Filtersteigt das Risiko für Überforderung, Ängste, Verwirrung, Desinformation.
Folgen gestörten epistemischen Vertrauens auf Gesellschaftsebene
Ohne epistemisches Vertrauen kann keine moderne Gesellschaft funktionieren.
Mit blindem epistemischen Vertrauen kann sie aber auch in die Irre laufen. Deshalb gilt es eine Balance finden zwischen
- gesundem Misstrauen → kritisches Denken, Hinterfragen
- epistemischem Vertrauen → Vertrauen in Institutionen, Medien, Wissenschaft
Epistemisches Vertrauen ist in diesem Zusammenhang das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit und Relevanz gesellschaftlicher Informationen. Dies braucht die Gesellschaft. Sie braucht es für die Demokratie, die Wissenschaft und den Zusammenhalt.
Literatur
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Sperber, D. , Clément, F., Heintz, C., Mascaro, O., Mercier, H., Origgi, G., & Wilson, D. (2010). Epistemic vigilance. Mind & Language, 25, 359–393. doi:10.1111/j.14680017.2010.01394.x
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