Interventionen

Mentalisieren ist ein Prozess. Es ist keine Fähigkeit, die man immer hat.

Zur Förderung von Mentalisieren beim Patienten ist für den Therapeuten hilfreich:

  • empathisches zu validieren,
  • positives Mentalisieren hervorzuheben,
  • Affekte zu regulieren,
  • alternative Aspekte zu benennen,
  • die Therapiestunde zu strukturieren.

Die Hauptbereich sind:

  • Nicht-mentalisierende Modi erkennen und verändern: einen  Stopp machen, zurückzugehen, den Prozess zu verlangsamen, versuchen zu reflektieren, nicht der Versuchung erliegen mit dem Patienten zu argumentieren (s. dazu weiter unten).
  • Polaritäten im Narrativ beachten und ggf. intervenieren um den nicht aktivierten Pol ins Spiel zu bringen ( s. Ineffektives Mentalisieren!).
  • Affektfokus, d.h. Regulierung der Affekte, Klarifikation der Affekte, Identifikation der Affekte, Verbindung der Affekte zu Ereignissen und den verschiedenen Perspektiven (Ausführliches dazu s. MBT-Loop unter Therapeutische Haltung und Behandlungsstruktur)
  • Challenging: Interventionen, die den Patienten auf eine undefinierte aber kreative Weise zu einem Perspektivwechsel herausfordern um Nichtmentalisieren zu unterbrechen (s. dazu MBT-Loop).
  • Mentalisieren von Beziehungen, d.h. von Beziehungen mit Personen aus dem sozialen Umfeld als auch mit der Therapeutin. Umgang mit der Übertragung: Erst empathisches validieren der Erfahrung des Patienten! Umgang mit der Gegenübertragung: Erst in einem zweiten Schritt die Gegenübertragung als eigene/subjektive Erfahrung des Therapeuten markierend mitteilen.

Die Möglichkeiten die Interventionen sind in der Praxis begrenzt.

  • Wenn der Affekt zu hoch ist, kann man die spezifischen mentalisierungsfördernden Interventionen vergessen. Es bleibt dann der Rückgriff auf die basalen Interventionen: Empathisches Validieren, Klarifikation, die Identifikation des prämentalistischen Modus (s. Behandlungsstruktur, MBT-Loop).
  • Die Beschreibung der Affekte geht nur, wenn der Patient mentalisieren kann!
  • In einem Zustand von Nicht-Mentalisierung haben psychologische Beschreibungen immer einen Als-Ob-Modus (d.h. sind Pseudomentalisierung)!
  • Mentalisierende Interventionen des Therapeuten dürfen nicht zu weit von den nicht-mentalisierenden Mitteilungen des Patienten entfernt sein, denn sonst ist keine Kommunikation zwischen dem Therapeuten und dem Patienten möglich.

Umgang mit den prämentalisierenden Modi

Zu der Charakterisierung der prämentalisierenden Modi siehe auch „Ineffektives Mentalisieren“.

Äquivalenzmodus

Gleichsetzung der inneren und der äußeren Welt:

„Weil ich so fühle ist es so!“ oder „Gesagt, getan!“ oder „Es ist so wie es ist!“

Der Modus ist wird charakterisiert durch:

  • Oft konkretistisch, d.h. die äußere Realität wird über die innere Welt bestimmt.
  • Es besteht kein Zweifel an der eigenen Sichtweise und Haltung.
  • Bericht voller Regeln, Verantwortlichkeiten, voller „Sollte..“ und “Sollte nicht….“
  • Bericht über Zwischenmenschliches mit Hilfe von Fakten, Fakten, Fakten…….

Reaktion des Therapeuten: verwirrt, genervt, Versuche mit dem Patienten zu argumentieren.

Schädliche Reaktion des Therapeuten: Belehrung und Diskutieren, es weiterlaufen lassen.

Wie intervenieren beim Äquivalenzmodus?

  • Was besser nicht tun: Diskutieren, Nachfragen.
  • Was besser tun: Empathisches Validieren des subjektiven Erlebens.

Neugierde „Wie sind Sie zu dem Schluss gekommen?“) Eigene Verwirrung zeigen. Raum schaffen für andere Perspektiven.

Falls Mentalisierung nicht möglich ist, zur Not ein damit verbundenes Thema ansprechen.

Als-Ob Modus

Trennung von innerer Welt und äußerer Welt

  • Das Gesprochene hat keine Auswirkung auf das Erleben und die Handlungen.
  • Die „Bodenhaftung“ fehlt, das Gespräch geht in Richtung dissoziativ.
  • Sprechen in einer psychologisierenden Sprache: Der Zusammenhang zwischen innerem Prozess und äußerer Realität fehlt.
  • Idealisierung der Einsicht um ihrer selbst willen.
  • Reaktion des Therapeuten: erst begeistert, auf Dauer aber unbeteiligt verwirrt, oder genervt
  • Schädliche Reaktion des Therapeuten: Bestätigung der klugen „Einsichten“. Die Stunde und das Gespräch so weiterlaufen lassen.

Wie intervenieren bei Als-Ob Modus?

  • Was besser nicht tun: Ermuntern weiter zu machen und zu hoffen es wird besser.
  • Was tun? Überprüfen der Zustimmung.

Überraschende Interventionen z. B. paradoxe Interventionen (s. Challenging, MBT-Loop).

Versuch eine Erzählung im Als-Ob-Modus mit Emotionen und konkreten Situationen zu verbinden.

Teleologischer Modus

Überbetonung der äußeren Realität. Motive anderer werden ausschließlich von deren Handlung abgelesen. (“Wenn Sie mir wirklich helfen wollen, dann tun Sie dies:……“)

  • Zwang, dass etwas passieren muss.
  • Überbetonung der äußeren Realität.
  • Zwang dass etwas passieren muss.
  • Reaktion des Therapeuten: fühlt sich gedrängt etwas zu tun, fühlt sich instrumentalisiert.
  • Schädliche Reaktion des Therapeuten: zu schnell nachgeben. Beschuldigung des Patienten, sich ärgern.

Wie intervenieren bei teleologischem/zielgerichteten Modus?

  • Was besser nicht tun: Vorschnell nachgeben. Pat. zu beschuldigen. Sich ärgern.
  • Was tun? Empathische Validierung der Not. Affektfokus benennen, der zur Handlung drängt. Handlungen gut abwägen nach Exploration der Not. Suchen nach dem zugrunde liegenden Bedürfnis einer Person im teleologischen
    Modus.

Therapie in der Mentalisierung

Bild: Elisabeth Brockmann

 

Interventionen, die die Mentalisierung fördern – ein Beispiel 

Patient: „Ihre Sekretärin hat mich beleidigt! Ich wollte Sie sprechen und sie hat mich angegriffen.“

Therapeut: „Sie sind ja ganz aufgeregt. Lassen Sie uns versuchen, etwas ruhiger über die Situation zu sprechen.“
Therapeut versucht die Affekte runterzuregulieren

Patient: „Ich werde sie verklagen!“

Therapeut: „Da ist ja etwas ganz Heftiges zwischen Ihnen passiert, kein Zweifel. Versuchen Sie doch – wenn’s geht, etwas ruhiger – mir die Situation zu beschreiben. Damit wir weitersehen können.“
Therapeut versucht die Affekte zu validieren und Exploration anzuregen

Patient: „Nein, mir reicht’s!“

Therapeut: „Wenn Sie mich so anschreien, kann ich nicht besonders gut nachdenken! Sie auch nicht?“
Therapeut versucht erneut die Affekte runterzuregulieren, diesmal etwas unkonventioneller – mit Humor

Patient: „Hören Sie auf!“

Therapeut: „OK, was war los?“

Patient: „Ich kann mich nicht mehr ganz erinnern, aber Sie glauben mir ja doch nicht.“

Therapeut: „Sie haben das so erfahren, und das ist für mich maßgeblich.“
Therapeut versucht Validierung der Erfahrungen des Patienten

Patient: „ Ich muss die Dinge jetzt unbedingt mit Ihnen besprechen. Haben Sie 2 Stunden Zeit.“

Therapeut: „ Es ist manchmal besser, etwas Abstand von den Dingen zu haben, bevor man sie bespricht. Wir können Dinge besser handhaben und verstehen, wenn wir nicht zu nah am Feuer sind.“
Der Therapeut versucht die Mentalisierungsfähigkeiten beim Patienten und Therapeuten wieder herzustellen.

Patient: „Ja, ich bin so aufgeregt, dass ich mich nicht vollständig erinnern kann.“

Therapeut: “Ok. Gehen wir noch einmal zurück. Wie hat das mit der Sekretärin alles angefangen. Aber regen Sie sich nicht so auf, ich bin nicht die Sekretärin.“
Therapeut versucht zu einem Zeitpunkt des Gesprächs zurückzugehen, zu dem noch Mentalisieren möglich war.

Patient: „Sie sind der Einzige hier, außer Dr. S., mit dem man sich vernünftig unterhalten kann.“

Therapeut: „Na, das weiß ich nicht so.“

Die Wirkung von mentalisierungsfördernden Interventionen haben wir (Brockmann & Kirsch) zusammen mit einer Forschungsgruppe in einer Einzelfallstudie untersucht. Bei zwei von drei Patienten in psychoanalytischer Behandlung konnte die Wirksamkeit der mentalisierungsfördernden Interventionen gezeigt werden (Brockmann et al. 2018 und 2017).

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