Therapie
„Mentalization“ hat sich von einem spezifischen Konzept in der Psychopathologie zu einem breiten interdisziplinären Thema entwickelt, das in verschiedenen Bereichen der Psychologie, Therapie und sozialen Wissenschaften Anwendung findet. Die zunehmende Bedeutung der neurobiologischen Grundlagen hat das Verständnis der Mentalisierung weiter vertieft.
- Frühe Forschung (1990-2000) Einführung des Begriffs vor allem durch Peter Fonagy und Anthony Batemann mit dem Fokus auf Bindung und Bindungstheorien, insbesondere bei der Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen.
- Wachsendes Interesse (2000-2020) Neurobiologische Perspektive und Erweiterung der Anwendungen Der Begriff begann, sich über die Psychopathologie hinaus zu verbreiten, einschließlich der Entwicklung von Mentalization-Based Treatment (MBT). Klinische Studien: Zunehmend evidenzbasierte Studien zu den Vorteilen von Mentalisierung in der Behandlung von psychischen Erkrankungen, insbesondere in der Therapie von Borderlinepersönlichkeitsstörungen (BPS). Hieraus ergeben sich Verbindungen zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) und strukturellen Beeinträchtigungen des Selbstfunktionsniveaus und des interpersonellen Funktionsniveaus (ICD 11: Funktionseinschränkungen der Persönlichkeit)
- Wachsende Anwendung (2020-2025). Das Konzept der Mentalisierungspielt eine wichtige Rolle in der psychoanalytischen Psychotherapie und in der modernen psychodynamischen Therapie. Zentrale Aspekte sind.
- Verständnis von inneren Zuständen (erkennen von Gedanken und Emotionen).
- Therapeutische Beziehung (Förderung der Übertragung). Mentalisierung ermöglicht es den Klienten, diese Dynamiken besser zu erkennen und zu verarbeiten. Stärkung der therapeutischen Allianz: Die dem Patienten mitgeteilte Reflektion über eigene Gedanken und Emotionen des Therapeuten sowie das Vesrtändnis seines epistemischen Misstrauens fördert die Beziehung zwischen Patient und Therapeut. Reflexion über Abwehr: Klienten lernen, ihre Abwehrmechanismen zu erkennen und zu reflektieren, was zu einem besseren Verständnis ihrer Verhaltensmuster führt
- Integration von Erfahrungen Verarbeitung von Traumata: Mentalisierung hilft Klienten, traumatische Erfahrungen zu integrieren, indem sie die Emotionen und Gedanken, die mit diesen Erfahrungen verbunden sind, besser verstehen.
- Mentalisierung wird als wichtige Fähigkeit in verschiedenen Therapieformen betrachtet. Die ursprüngliche Entwicklung der Mentalisierungskonzepts und seiner Anwendung bezieht sich auf die Psychoanalyse (Fonagy P 2022 Vorwort In: Brockmann J, Kirsch H, Taubner S. Mentalisierten in der psychodynamischen und psychoanalytischen Psychotherapie. Klett-Cotta Stuttgart) und hat sich weiterentwickelt und findet Eingang in anderen Therapieformen insbesonders der evidenzbasierten Behandlungsformen wie der kognitiven Verhaltenstherapie und systemischer Therapie. Gleichzeitig wird deutlich, wie MBT auch Anleihen bei diesen Therapieformen macht.
Das Mentalisierungskonzept hat eine Brückenfunktion zwischen verschiedenen Therapieformen. Die therapeutischen Felder, in denen das Mentalisierungskonzept Eingang gefunden hat, lassen sich wie folgt charakterisieren.
+ Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) wurde in einem Tagesklinik–Setting in der Behandlung von Borderline Patienten entwickelt, ist forschungsnah, manualisiert und an dem britischen Versorgungsmodell (stationär oder teilstationär, Behandlungsteams) orientiert ist. In den letzten Jahren entwickelten sich Ansätze für weitere Anwendungsbereiche wie MBT-A für Adoleszente, MBT-C, MBT-F. Die Behandlungsansätze sind im Entwicklungsstadium und werden zurzeit in empirischen Studien überprüft. Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) bezeichnet dabei Behandlungskonzeptionen, denen eine hohe Struktur, meist eine Verbindung von Einzel – und Gruppentherapie, eine Teamorientierung und eine Manualisierung gemeinsam ist. In Forschungsprojekten bestehen die Therapien aus Behandlung in einem multiprofessionellen Behandlungsteam, mit Einzeltherapie als auch mit Gruppentherapie bei einer Dauer von 1-2 Jahre. Die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) für Borderline-Persönlichkeitsstörungen hat durch RCT-Studien (insbesondere Bateman & Fonagy 1999, 2001, 2008), Eingang in die Leitlinien und den Cochrane Review (Størebo et al 2020) gefunden. MBT gilt deshalb neben DBT als einziges evidenzbasiertes Verfahren zur Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen.
+ Die Anwendung des Mentalisierungskonzepts in der psychodynamischen und psychoanalytischen Therapie MBT als ein leitendes Konzept hat sich auch als sinnvoll in ambulanter Therapiegezeigt (Bateman & Fonagy 2019 S. XV). Über diese Konzeption haben Brockmann, Kirsch & Taubner (2022) publiziert. Dies ist auch der Schwerpunkt des Fortbildungsprogramms der Autoren der Webseite (J. Brockmann & H. Kirsch). Die Verbindung mit der psychodynamischen und psychoanalytischen Psychotherapie ist nicht verwunderlich, liegen die Ursprünge des Konzepts doch auch in der Psychoanalyse (Fonagy 2022). Über die zugrundeliegende Konzeption erfahren Sie mehr unter „Mentalisieren in der psychodynamischen und psychoanalytischen Psychotherapie“ .
Das Konzept hat nicht nur im Therapeutischen Bereich Einzug gefunden, sondern auch in der Pädagogik (Gingelmaier et al. 2018) und Beratung (Döring 2019, 2018)n
Charakteristische Interventionen
„Mentalisieren ist eher eine Einstellung als eine Fertigkeit, eine forschende Haltung …“ (Fearon et al., 2009)
Mentalisieren fördern bedeutet die Exploration der eigenen Innenwelt, die einfühlsame Erforschung der Welt des anderen und der gemeinsamen Beziehung. Dabei kann es hilfreich sein, wenn der Psychotherapeut einen „Standpunkt des Nichtwissens“ einnimmt – das heißt, neugierig zu bleiben. Der Standpunkt des Nichtwissens ermöglicht dem Psychotherapeuten und dem Patienten ein gemeinsames Erforschen der äußeren und inneren Welt. Ein Standpunkt des Nichtwissens schützt davor, dem Patienten die eigene Sichtweise aufzudrängen. Wenn der Psychotherapeut darauf beharrt, dass er es besser weiß als der Patient, ist der Prozess des Mentalisierens meist zu Ende.
Die fragende Haltung des Therapeuten kann dabei den Patienten anregen, sich selbst und andere zu verstehen. Fragen nach dem „Wie?“ sind dabei meist hilfreicher als Fragen nach dem „Warum?“ Also z. B. besser „Wie fühlte es sich an, sich so zu ärgern?“ als „Warum haben Sie sich geärgert?“ Warum-Fragen führen zur Ursachen-Forschung, Wie-Fragen hingegen fördern den Prozess.
Interventionen zur Förderung von Mentalisierung
- Einen Standpunkt des Nichtwissens einnehmen
- Weitere Explorationen anregen
- Auf Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühle im „Hier und Jetzt“ fokussieren
- Alternative Erklärungsweisen anbieten
- Den Patienten dazu gewinnen, Interaktionen und eigene Erfahrungen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten
- Bereitstellen von Erfahrungen einer sicheren Basis, die dem Patienten die Exploration der inneren Zustände erleichtert
- Förderung einer mittleren Intensität emotionaler Beteiligung, die weder zu „kalt“ noch zu „heiß“ ist.
Beim mentalisierungsorientierten Vorgehen ist es nicht die Aufgabe des Therapeuten, dem Patienten zu sagen, wie er fühlt, was er denkt, wie er sich verhalten soll, was seine dahinterliegenden Gründe für seine Schwierigkeiten sind, bewusst oder unbewusst. Jeder Versuch in Richtung „Ich weiß, wie der Patient ist“ oder wie er sich verhalten und denken soll, und warum er so ist, wie er ist, kann für den Patienten schädigend sein. Um das zu vermeiden, hilft die Haltung des Nichtwissens.
Lesen Sie weiter:
- Psychotherapie als dreifaches Kommunikationssystem
- Mentalisieren als Brückenkonzept
- Mentalisieren und Psychoanalyse
- MBT in der psychodynamischen und psychoanalytischen Psychotherapie
- Mentalisierungsbasierte Therapien (MBT)
- Mentalisieren in der Psychotherapie mit Kindern
- MBT in Gruppen
- Interventionen
- Ineffektives Mentalisieren
- Psychoedukation
- Fokusformulierung
- Adherence Skala
Literatur
Bateman A, Fonagy P (1999) The effectiveness of partial hospitalization in the treatment of borderline personality disorder – a randomised controlled trial. American Journal of Psychiatry 158, 1563-1569
Bateman A, Fonagy P (2001) Treatment of borderline personality disorder with psychoanalytically oriented partial hospitalisation: an 18 month follow-up. American Journal of Psychiatry 156, 36-42
Bateman A, Fonagy P (2008) 8 years follow-up of patients treated for borderline personality disorder: mentalization-based treatment versus treatment as usual. Am J Psychiatry 165, 631-638
Bateman A & Fonagy P (2019) Handbook of Mentalizing in Mental Health Practice 2ndEd. American Psychiatric Association Publishing Washington
Döring P (2019) Führen und Mentalisieren. Gruppenpsychother Gruppendynamik 55 (2):118-130
Döring P (2018) Persönlichkeit und Mentalisierungsstörungen in Organisationen. PDP 17:168-180
Fonagy, P. (1989). On tolerating mental states: Theory of mind in borderline patients. Bulletin of the Anna Freud Centre, 12, 91-115.
Fonagy P (2022) Vorwort In: Brockmann J, Kirsch H, Taubner S. Mentalisierten in der psychodynamischen und psychoanalytischen Psychotherapie. Klett-Cotta Stuttgart
Gingelmaier St, Taubner S, Ramberg (Hg) (2018) Handbuch mentalisierungsbasierte Pädagogik Vandenhoek & Ruprecht
Storebø, O. J., Stoffers-Winterling, J. M., Völlm, B. A., Kongerslev, M. T., Mattivi, J. T., Jørgensen, M. S., Faltinsen, E., Todorovac, A., Sales, C. P., & Callesen, H. E. (2020). Psychological therapies for people with borderline personality disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews, 5.
