Mentalisierung

Was heißt Mentalisierung?

Sie beobachten in ihrer Heimatstadt einen Unbekannten an einer Kreuzung, der einen Stadtplan vor sich hält und mit gerunzelter Stirn auf den Plan blickt, zunächst in die eine und dann in die andere Richtung. Was geht in Ihnen vor? Zu vermuten, dass der Fremde sich verlaufen habe, lässt sich von seinem Verhalten möglicherweise ablesen. Sich den inneren Zustand des Fremden vorzustellen ist Mentalisieren in Aktion.  Mentalisieren ist im Alltag allgegenwärtig ist.

Der englische Begriff mental bildet das Adjektiv zu mind (z.B. mental illness, mental health) und meint geistig/gedanklich und psychisch/seelisch gleichermaßen.

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Bild: Elisabeth Brockmann

Mentalisieren meint die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle, Absichten, also die innere psychische Welt bei sich und anderen wahrzunehmen und zu verstehen. Die Fähigkeit zur Mentalisierung ist weitgehend unbewusst oder implizit, sie ist eine kognitive Leistung, die dem eigenen Verhalten und dem anderer einen Sinn gibt. Sie ist Teil der Ich-Entwicklung und ermöglicht Denken als Probehandeln, Reflexion als Instrument der Impulskontrolle und Affektregulation.

Die Fähigkeit zu Mentalisieren entwickelt sich bis zur Adoleszenz. Sie  ist abhängig von Beziehungserfahrungen, Bindung und dem affektiven Austausch mit den ersten Bezugspersonen. Die Fähigkeit zu Mentalisieren wird oft als reflexive Kompetenz beschrieben.

Reflexive Kompetenz steht im Zusammenhang mit seelischer Gesundheit. Die Beeinträchtigung der Reflexionsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen oder bei misshandelten Kindern ist in zahlreichen Studien nachgewiesen.

Warum brauchen wir die Fähigkeit, zu mentalisieren?

Mentalisieren ist eine Fähigkeit, die jeder besitzt. Doch leider ist diese Fähigkeit oft gerade dann eingeschränkt, wenn wir sie am meisten brauchen:

  • um Missverständnisse zu verstehen
  • in Krisensituationen und bei heftigen Gefühlen
  • in für uns bedeutenden Beziehungen
  • bei der Verarbeitung von Traumata
  • in Psychotherapien