Mentalisierungsstörungen 

Mentalisierungsstörungen lassen sich unter entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten einteilen. Die Einteilung greift auf typische frühe Stufen der Mentalisierungsentwicklung zurück: den Teleologischen Modus, den Äuquivalenzmodus und den Als-Ob-Modus (s. Abb.), wie sie von Bateman & Fonagy (2006) beschrieben werden.

 

Das „Pseudo-Mentalisieren“ ist gekennzeichnet durch:

sprechen in einer Psycho-Sprache, ohne dass dabei innere Prozesse berührt werden

+ die Realität ist abgekoppelt n einer „Als-Ob“-Sprache

+ Idealisierung der Einsicht um ihrer selbst willen

+ dissoziative Phänomene.

Das „Konkretistisches Verstehen“ ist gekennzeichnet durch:

+ Mangel an Aufmerksamkeit für die Gedanken, Gefühle und Wünsche anderer

+ Neigung zu massiven Generalisierungen und Vorurteilen

+ übertriebene Generalisierungen und Schwarz/Weiß Denken.

Eine „Instrumentalisierung von Mentalisierung“ ist gekennzeichnet durch:

+Mentalisierung wird eingesetzt, um das Verhalten eines anderen zu kontrollieren

+ Absichtliche Unterwanderung der Denkfähigkeit eines anderen (Am leichtesten erreicht durch die Verursachung von Erregung).

+ Selbstschützendes Ausschalten der eigenen Mentalisierung als Schutz vor schädigenden/bösartigen Absichten von Beziehungspersonen (bei Trauma und Misshandlung)

Gelingendes Mentalisieren meint die Reflexion sowohl eigener Motive, Gedanken und Gefühle als auch die Reflexion der Intentionen und Gefühle wichtiger anderer (Interaktionspartner). Imagination (Vorstellungskraft) und Realität (präzise Erfassung eines Geschehens) ergeben eine angemessen Perspektive auf eine komplexe soziale Wirklichkeit.

Gelingendes Mentalisieren ist mit einer mentalisierten Affektivität verbunden (Fonagy et al. 2015). Die eigenen Affekte werden zum Gegenstand der Reflexion, während man sie in sich wahrnimmt.

Eine weitere Form der Mentalisierungsstörung, mit der entwicklungspsychologischen Einteilung nicht verbunden werden kann, ist die Hypermentalisierung.

Hypermentalisierung bezeichnet die „Fähigkeit“ den anderen mit zu vielen Attributen auszustatten, …. in sich selbst und den anderen zu viel von Affekten und Motiven „hineinzulesen“ (Schultz-Venrath, 2013).

Hypermentalisieren ist gekennzeichnet durch, dass Gedanken, Reflexionen und Phantasien als Möglichkeit genutzt werden, der augenblicklichen Realität auszuweichen. Hypermentalisieren geht einher mit Hypervigilanz, nicht hinterfragten Annahmen und unkontrolliertem exzessivem Schlussfolgern. (Bateman & Fonagy 2015).

Hypermentalisierung und Epistemische Vigilanz/Epistemisches Misstrauen hängen eng zusammen.

Mentalisierungsstörungen lassen sich auch entlang der Ausprägung und Angemessenheit der Mentalisierungsfähigkeit einteilen. Dziobek et al (2006), die im Rahmen der „Theory of Mind“ Forschungen zur Mentalisierung bei Patienten mit Störungen aus dem Autismus-Spektrum durchgeführt haben, entwickelten eine Skala zur Einschätzung der Mentalisierungsfähigkeit. Sie beruht auf der Einschätzung der Probanden an Hand von Filmszenen, die die Interaktionen zwischen 4 Freunden zeigt.

Dziobek et al (2006) unterscheiden zwischen:

+ einem konkretistischen Modus (keine Mentalisierung)

+einer Hypomentalisierung (Ansätze eines intentionalen Verständnisses sind vorhanden, doch sind z.B. Beschreibungen zu einfach konstruiert um die Komplexität einer Situation zu erfassen)

+ einem angemessenen Mentalisieren (s.o.)

+ einem Hypermentalisieren (s.o.).

 

Literatur:
Bateman, A.W.; Fonagy, P. (2015) Handbuch Mentalisieren. Gießen. Psychosozial

Fonagy P, Gergely G, Jurist EL, Target M (2015) Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst, Klett Cotta

Bateman A, Fonagy P (2006) Mentalization-based treatment for borderline personality disorder. A practical guide. University Press, Oxford

Dziobek, I.; Fleck, S.; Kalbe, E.; Rogers, K.; Hassenstab, J.; Brand, M.; Kessler, J.; Woike, J. K.; Oliver, T.; Wolf, O. T. & Convit, A. (2006): Introducing MASC. A movie for the assessment of social cognition. In: Journal of Autism and Developmental Disorders 36(5), 623 – 636. doi:10.1007/s10803- 006-0107-0.

Schultz-Venrath, U. (2013): Lehrbuch Mentalisieren. Klett-Cotta, Stuttgart.