Mentalisierungsorientierte Therapie

Aus den Grundlagen des Mentalisierungskonzepts entwickeln sich zurzeit verschiedene Behandlungsansätze. Zum einen entwickelt sich ein forschungsnaher Zweig, der an dem britischen Versorgungsmodell (stationär oder teilstationär, Behandlungsteams) orientiert ist und zu den manualisierten Mentalisierungsbasierte Therapien (MBT) für bestimmte Störungsbilder und Patientengruppen führt (s. Mentalisierungsbasierte Therapien MBT). Zum anderen entwickelt sich ein Zweig Mentalisierungsorientierter Therapien mit dem Mentalisierungskonzept als Fokus in psychodynamischen Therapien (z. B psychoanalytischer Therapie, tiefenpsychologischer Therapie oder Gruppentherapie), die stärker auf die Rahmenbedingungen und Setting der Richtlinienpsychotherapie bezogen sind, keiner Manualisierung folgen und eher Langzeitpsychotherapien sind. Charakterisiert wird diese Form der Behandlung unter anderem durch das Therapieziel der „Mentalisierten Affektivität“. Die Ansätze sind nicht nur auf schwere strukturelle Störungen (z. B. Borderlinestörungen) bezogen. Dieser Ansatz wird verfolgt in der Weiterbildung bereits gut qualifizierter (psychodynamischer und psychoanalytischer) Therapeuten und erfordert intensive Fallarbeit und Supervision.

Mentalisierungsorientierte Psychotherapie ist kein neues therapeutisches Verfahren, sondern eine Orientierung am Mentalisierungskonzept innerhalb der psychodynamischen und analytischen Psychotherapie. Über die daraus folgende therapeutische Methodik, angewandt auf die ambulante Psychotherapie bei verschiedenen strukturellen Störungen, informieren Kirsch, Brockmann & Taubner (2016). In dem Buch verbinden sie die Theorie mit praktischen Beispielen aus diesem Feld.

Die mentalisierungsorientierte Therapie resultiert aus den praktischen Herausforderungen, die die strukturellen Störungen an die klassische psychoanalytischen und von ihr abgeleiteten psychodynamischen Verfahren stellen (Brockmann & Kirsch 2017).

Das Mentalisierungskonzept beruht auf der Psychoanalyse, gleichwohl können andere Verfahren davon profitieren. Das Mentalisierungskonzept steht durch seine wissenschaftliche Fundierung auch in einem wissenschaftlichen Diskurs mit der Verhaltenstherapie (Z. B. Carcione et al. 2008) und der systemischen Therapie (Asen & Fonagy 2015). Das Konzept ist zudem durch seine Forschungsorientierung in einem ständigen Wandel. Es erscheint in der Zukunft möglich, dass das Mentalisierungskonzept eine Brückenfunktion zwischen den verschiedenen Therapieformen erhält.

Eine gewisse Nähe besteht bei der mentalisierungsorientierten Therapie auch zur ”Strukturellen Therapie“ (Rudolf et al 2002; Rudolf 2009). Soweit uns bekannt ist, macht die strukturelle Therapie hinsichtlich ihres methodischen Vorgehens jedoch wenig dezidierte Aussagen, sodass möglicherweis hier das mentalisierungsorientierte Vorgehen eine Lücke schließen kann.

Mentalisierungsorientierte Therapie ist als Langzeittherapie konzipiert, weil die Erweiterung der Mentalisierungsfähigkeit Zeit braucht. Veränderungen in der generellen Mentalisierungsfähigkeit in kurzer Zeit erscheinen uns wenig realistisch. Ausnahmen davon sind die Zusammenbrüche der Mentalisierung in speziellen Situationen, z. B. einer schweren Krise. In einer Krisensituation kann es sehr erfolgreich sein, bei der Person durch mentalisierungsfördernde Interventionen die ursprüngliche Mentalisierungsfähigkeit wiederherzustellen.

Die Überprüfung der Wirksamkeit von Behandlungen, die auf dem Mentalisierungskonzept beruhen, beziehen sich auf Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) bei Borderline-Störungen als teilstationäre Behandlung (Bateman & Fonagy 1999, 2001, 2008) und Mentalisierungsbasierte Therapie für Adoleszente (MBT-A) (Russow & Fonagy 2012, Taubner et al. 2017). In beiden Fällen besteht die Therapie aus Behandlung mit einem multiprofessionellen Behandlungsteam, mit Einzeltherapie und Gruppentherapie von einer Dauer über 1-2 Jahre.

Ambulante mentalisierungsorientierte Einzeltherapien sind auch aus diesem Grund wahrscheinlich nur als intensive Behandlung, d. h. als Langzeittherapie sinnvoll. Das deutsche Gesundheitssystem bietet – die international nahezu einmalige – Möglichkeit der tiefenpspsychologisch fundierten, der analytischen und der verhaltenstherapeutischen Langzeittherapien und damit die Möglichkeiten innerhalb des Gesundheitssystems mentalisierungsfördernde Langzeittherapien durchzuführen.

Literatur
Asen E, Fonagy P (2015) Mentalisierungsbasierte Familientherapie. In: Bateman, A. W.; Fonagy, P. (Hrsg.): Handbuch Mentalisieren. Gießen, Psychosozial. 135 – 158.

Bateman A, Fonagy P (1999) The effectiveness of partial hospitalization in the treatment of borderline personality disorder – a randomised controlled trial. American Journal of Psychiatry 158, 1563-1569

Bateman A, Fonagy P (2001) Treatment of borderline personality disorder with psychoanalytically oriented partial hospitalisation: an 18-month follow-up. American Journal of Psychiatry 156, 36-42

Bateman A, Fonagy P (2008) 8 years follow up of patients treated for borderline personality disorder: mentalization-based treatment versus treatment as usual. Am J Psychiatry 165, 631-638

Bateman, A & Fonagy, P(Hrsg.) (2015) Handbuch Mentalisieren. Gießen. Psychosozial Vlg.

Bateman, A.W.; Fonagy, P. (2015): Das Grundmodell in der Einzelpsychotherapie. In: Bateman A.W.; Fonagy, P. (Hrsg): Handbuch Mentalisieren. Gießen. Psychosozial. S 91-107.

Brockmann J & Kirsch H (2017) Psychoanalytische Arbeit und Mentalisierungskonzept in: Unruh, B, Moeslein-Teising I, Walz-Pawlita S Grenzen Psychosozial Vlg. S. 67-84

Carcione A, Dimaggio G, Fiore D, Nicolo G, Procacci M, Semerari A, & Pedone R (2008). An intensive case analysis of client metacognition in a good-outcome psychotherapy: Lisa’s case. Psychotherapy Research, 18, 667–676. doi:10.1080/10503300802220132

Kirsch H, Brockmann J & Taubner S (2016) Praxis des Mentalisierens. Klett-Cotta Vlg. Stuttgart.

Rudolf, G.; Grand, T.; Henningsen, P. (Hrsg.) (2002): Die Struktur der Persönlichkeit. Theoretische Grundlagen zur psychodynamischen Therapie struktureller Störungen. Stuttgart, Schattauer.

Rudolf, G. (2009): Strukturbezogene Psychotherapie: Leitfaden zur psychodynamischen Therapie struktureller Störungen. Stuttgart, Schattauer.

Rossouw TI, Fonagy P (2012) Mentalization-based treatment for self-harm in adolescents: a randomized controlled trial. J Am Acad Adolesc Psychiatry 51(12) 1304-1313

Schultz-Venrath U. (2013) Lehrbuch Mentalisieren. Klett-Cotta, Stuttgart.

Taubner, S.; Sevecke, K. (2015) Kernmodell der Mentalisierungsbasierten Therapie. Psychotherapeut. 60: 169-184.