Mentalisierungsbasierte Therapien (MBT)

Die mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) für Borderline-Patienten

Zentrale Aufgabe ist die Verbesserung und Stabilisierung der Mentalisierungsfähigkeit und nicht die Entwicklung von Einsicht. Der Fokus der Behandlung liegt im Hier und Jetzt. Im Hier und Jetzt wird auch untersucht, wie die Gegenwart von den Erlebnissen der Vergangenheit beeinflusst wird. Durch die therapeutische Beziehung wird dabei dem Patienten ein bedeutendes Beziehungsangebot gemacht. Dadurch wird sein Bindungssystem stark aktiviert. Dem drohenden Verlust von Mentalisierungsfähigkeiten wird durch das Angebot einer sicheren Beziehung, einer transparenten Struktur und durch mentalisierungsfördernde Interventionen begegnet.

Es gibt eine Reihe von organisatorischen Merkmalen, die die Behandlungsansätze, die sich als erfolgreich erwiesen haben, gemeinsam haben (Bateman u. Fonagy 2004).

Organisatorische Merkmale

  • ein hoher Grad an Strukturierung
  • eine konsistente und verlässliche Implementierung
  • eine theoretische Kohärenz für Therapeut und Patient
  • die Berücksichtigung der Schwierigkeiten, konstruktive Beziehungen aufzubauen; das bedeutet eine aktive Förderung der Kooperationsbereitschaft durch den Therapeuten
  • eine aktive Haltung des Therapeuten
  • eine deutliche Fokussierung der Behandlung, z. B. auf die Problematik der Selbstverletzungen oder Aspekte der interpersonalen Beziehungsmuster
  • eine Flexibilität und relativ lange Dauer
  • eine gute Zusammenarbeit mit den übrigen Diensten, die der Patient in Anspruch nimmt

Dabei scheint die Art und Weise, wie die Struktur besprochen wird und ihre Transparenz für den Behandlungserfolg ebenso wichtig, wie die therapeutischen Interventionen selbst.

MBT wurde in einem teilstationären Setting entwickelt. Das detailliert ausgearbeitete und manualisierte Behandlungskonzept (Bateman & Fonagy 2007) hat in randomisierten und kontrollierten Studien seine Wirksamkeit bewiesen (Bateman & Fonagy 1999, 2001, 2003, 2008). Durch die Studien konnte MBT für Borderline-Störungen als psychoanalytisch orientierter Behandlungsansatz in den USA den Status einer evidenzbasierten Behandlung erreichen – neben der dialektisch-behavioralen Therapie nach M. Linehan.

In einer neueren RCT-Studie (Bateman & Fonagy 2009) wurde eine ambulante MBT-Behandlung mit psychiatrischer Betreuung verglichen. Die ersten Ergebnisse zeigen auch hier signifikant bessere Ergebnisse in den Selbsteinschätzungen und in den Erfolgsmaßen Suizidversuche und stationäre Einweisungen.

Literatur

Bateman AW, Fonagy P (1999) The effectiveness of partial hospitalization in the treatment of borderline personality disorder – a randomised controlled trial. American Journal of Psychiatry, 158, 1563-1569

Bateman AW, Fonagy P (2001) Treatment of borderline personality disorder with psychoanalytically oriented partial hospitalisation: an 18-month follow-up. American Journal of Psychiatry, 156, 36-42

Bateman AW, Fonagy P (2003) Health service utilisation costs for borderline personality disorder patients treated with psychoanalytically oriented partial hospitalisation versus general psychiatric care.  American Journal of Psychiatry, 160, 169-171

Bateman AW, Fonagy P. (2007) Psychotherapie der Borderline Persönlichkeitsstörung Ein mentalisierungsgestütztes Behandlungskonzept. Psychosozial Vlg. Gießen. Engl.: Bateman AW, Fonagy P. (2004) Psychotherapy for Borderline Personality Disorder Mentalization-Based Treatment. Oxford: University Press

Bateman A & Fonagy P (2008) 8 years follow up of patients treated for borderline personality disorder: mentalization-based treatment versus treatment as usual. Am J Psychiatry 165, 631-638

Bateman A & Fonagy P (2009) Randomized Controlled Trial of Outpatient Mentalization-Based Treatment Versus Structured Clinical Mangement for Borderline Personality Disorder Am J Psychiatry 166, 1355-1364

Bolm, T. (2015): Mentalisierungsbasierte Therapie. München. Reinhardt

Euler S (2014) Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) als integratives Behandlungskonzept für die Psychotherapie von Persönlichkeitsstörungen. Psychiatrie & Neurologie 3, 2014: 6-11

Taubner, S (2015): Konzept Mentalisieren: Eine Einführung in Forschung und Praxis. Gießen. Psychosozial.

Taubner, S.; Sevecke, K. (2015) Kernmodell der Mentalisierungsbasierten Therapie. Psychotherapeut. 60: 169-184.

 

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Mentalisierungsbasierte Behandlung für Adoleszente (MBT-A)

MBT-A ist ein Behandlungsprogramm für Adoleszente mit Borderline-ähnlichen Störungen,  z. B. Selbstverletzungsgefährdung und Depressionen. Das Programm erstreckt sich über ein Jahr. Es hat eine wöchentliche Einzeltherapiesitzung sowie eine monatliche Familientherapiesitzung (MBT-F) zur Grundstruktur. Die Therapeuten haben ein spezielles Training und eine wöchentliche Supervision. Die Supervision findet gewöhnlich in Gruppen statt.  MBT-A greift eine Reihe von Elementen des Behandlungsprogramms von MBT bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen auf. So gibt es einen hohen Grad an Struktur, zu der eine gute Organisation des Teams, eine Assessment Phase, ein ausgearbeiteter Behandlungsplan und ein Notfall-/ bzw. Krisenplan, der allen Beteiligten bekannt ist, gehören. Zu den Problemen bei der Implementierung  von MBT-A ist eine Fallstudie erschienen (Hutsebaute et al. 2012) Eine Evaluation des Programms ist in den letzten Jahren begonnen worden. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend (Rossouw & Fonagy 2012). Die Behandlungen reduzierten im Vergleich mit einer Kontrollgruppe signifikant Selbstverletzungen und Depression.

Literatur

Hutsebaut, J, Bales DL, Busschbach JJV, Verheul R (2012) The implemantation of mentalization-based treatment for adolescents: a case study from an organizational, team and therapist perspective.  International Journal of Mental Health Systems, Open Access http://www.ijmhs.com/content/6/1/10

Rossouw TI, Fonagy P (2012) Mentalization-based treatment for self-harm in adolescents: a randomized controlled trial. J Am Acad Adolesc Psychiatry 51(12) 1304-1313

Taubner S, Volkert J, Gablonski TC, Rossouw T (2017) Mentalisierungsbasierte Therapie bei Adoleszenten mit Borderline-Störungen – Konzept und Wirksamkeit Kinderpsychol Kinderpsychiatr.66(6):423-434. doi: 10.13109/prkk.2017.66.6.423.

Taubner, S. (2008) Einsicht in Gewalt. Psychosozial, Gießen.

Mentalization-Based Treatment for Families (MBT-F)

MBT-F ist geeignet für Familien mit Kindern von 7 bis 16 Jahren, in denen die Familienproblematik negative Einflüsse auf die Entwicklung der Kinder nimmt. Das strukturierte Programm geht über 6 bis 10  Stunden. Primäres Ziel ist es, den Eltern zu helfen, die innere Welt des Kindes, seine Gefühle und seine Gedanken zu mentalisieren. Es wird angenommen, dass mentalisierungshemmende Interaktionen in der Familie die Ursache für unterschiedliche Verhaltensauffälligkeiten (z. B. Aggression), emotionale Probleme (z. B. Angst, Depression) sowie Beziehungsschwierigkeiten sind. Mit „Short-Term Mentalization and Relational Therapy (SMART)“  beschrieben Fearon et al  (2009) als erste dieses Therapie-Konzept und seine Interventionen. Aktueller ist jetzt Asen & Fonagy (2011).

Ziele:

  • die Förderung von Mentalisierung und die Erweiterung der Fähigkeiten zum Perspektivwechsel
  • die Förderung der Mentalisierungsfähigkeit, um Affekte besser aushalten zu können bzw. Affekte nicht unreflektiert in Handlungen umschlagen zu lassen
  • eine Bewusstheit über die eigenen “mental states” und über die der anderen Familienmitglieder zu gewinnen

 

Wege

  • Unterstützung der Familie im Aufbau von Vertrauen und Bindung zwischen Kindern und Eltern
  • Unterbrechung von restriktiven Interaktionszirkeln hin zu mentalisierender Kommunikation
  • Förderung der Sensibilität der Eltern hinsichtlich der Förderung der Mentalisierungsfähigkeit bei den Kindern
  • Übungen zur Mentalisierung, Kommunikation und Problemlösung in den Bereichen, in denen bisher Mentalisieren schwierig ist
  • Gelegentlich supportive Elemente bei der Lösung von Problemen

 

Ziele und Wege sind der Webseite des Programms entnommen (eigene Übers.). Studien zur Indikationsstellung und zur Evaluation von SMART laufen zur Zeit ebenso wie eine Evaluationsstudie zu MBT-F am A. Freud-Institut in London.

Literatur

Asen, E. & Fonagy, P. (2015). Mentalisierungsbasierte Familientherapie In: Bateman, A.W.; Fonagy, P. Handbuch Mentalisieren, Gießen. Psychosozial.

Asen, E. & Fonagy, P. (2011). Mentalization-based therapeutic interventions for families. Journal of Family Therapy, DOI: 10.1111/j.1467 – 6427.2011.00552.x.

Fearon P, Target M, Sargent J, Williams L, McGregor J, Bleiberg E, Fonagy P ( (2009) Mentalisierungs- und beziehungsorientierte Kurzzeittherapie (SMART): eine integrative Familientherapie für Kinder- und Jugendliche. In: Allen JG, Fonagy P (Hrsg) Mentalisierungsgestützte Therapie: Das MBT Handbuch. Konzepte und Praxis. Klett-Cotta, Stuttgart

Keaveny E, Midgley N, Asen E, Bevington D, Fearon P, Fonagy P, Jennings-Hobbs J & Wood S (In press) Minding the Family Mind: The development and evaluation of Mentalization Based Treatment for Families at the Anna Freud Centre in London. In N. Midgley & I. Vrouva (Eds.), Minding the Child: Mentalization-based Interventions with Children, Young People and their Families. London: Routledge.