Mentalisierung und Stress

Störungen der Mentalisierungsfähigkeit

Wenn ungünstige Beziehungserfahrungen und innerpsychische Konflikte jedoch die kindliche Psyche überfordern, verharrt das Kind in Teilbereichen seines psychischen Erlebens im Modus der psychischen Äquivalenz. Solche Kinder fallen oft auf durch ihre Fantasiearmut und Unfähigkeit zum Spielen (Taubner 2008).

In unsicher-ambivalenten und desorganisierten Bindungen ist das Bindungssystem permanent aktiviert, und es wird die Nähe zur Bezugsperson auf Kosten der Reflexionsfähigkeit aufrechterhalten. Das Kind passt sich der Welt der Bezugsperson an und übernimmt fremde Anteile als Teil seiner inneren Welt. Diese werden zu einem „fremden Selbst“. In diesem Fall repräsentieren sich im Selbst des Kindes die Haltung und Botschaften der Bezugsperson. Ein ‚fremdes Selbst‘ entwickelt sich, wenn eine Mutter extrem unsensibel und fehlabgestimmt reagiert. Dann bleibt dem Kind nur die Möglichkeit, den mentalen Zustand der Mutter in sein eigenes Selbst zu übernehmen, von dem es später verzweifelt versucht, sich durch Externalisierung zu befreien (Fonagy u Target 2006). Menschen mit einem „fremden Selbst“ berichten über Gefühle von innerer Leere und unerträglicher Missstimmung. In diesen Notlagen werden die eigenen Gefühle in die äußere Welt projiziert. Dies wird nicht nur von Konflikten oder Schuldgefühlen, sondern aus unerträglichen inneren Spannungen und dem Bedürfnis, eine Kongruenz im Selbsterleben aufrechtzuerhalten, ausgelöst.

Stress jeglicher Art und intensive Emotionen behindern Reflexion (Aktivität im präfrontalen Cortex)

Das Modell zweier Erregungsmodule (Mayes 2000)

Mit zunehmender emotionaler Intensität (Arousal) werden unterschiedliche Hirnregionen aktiviert. Bei geringer bis mittlerer Erregung werden überwiegend Aktivitäten in präfrontalen Hirnregionen (System A) zur Problemlösung eingesetzt. Dies scheint in Verbindung zu stehen mit reflexiven kognitiven Leistungen und Verhaltenskontrolle, während bei intensivem Stress eher der posteriore Cortex und subcorticale Hirnregionen aktiviert werden (System B). Dies führt zur Abnahme reflexiver Fähigkeiten und zur Zunahme automatisierter Kampf- und Flucht-Reaktionen (automatisches Mentalisieren).

Bei Individuen mit traumatischen Erfahrungen (und bei Adoleszenten) ist der Umschaltpunkt zwischen reflexiven und automatisierten, subcorticalen Problemlösefähigkeiten nach links verschoben, d.h. schon bei einem mittleren Arousal verringert sich die Fähigkeit, zu reflektieren und automatisierte Kampf- und Fluchtreaktionen (nicht-mentalisierende Modi) werden eingesetzt (Mayes 2000).

Sicher gebundene Menschen schalten erst bei relativ hohem emotionalen Arousal in den automatischen Modus um und können rascher wieder kontrolliert mentalisieren.

„Liebe macht blind“

Bei intensiven Emotionen (nicht nur wenn wir verliebt sind) oder wenn unser Bindungssystem aktiviert ist (in Krisen), nimmt unsere Mentalisierungsfähigkeit deutlich ab. Von der Vorstellung, dass unsere Reflexionsfähigkeit bei mittlerer emotionaler Intensität am besten gelingt, wird die Empfehlung abgeleitet, in Psychotherapien die emotionale Intensität zu modulieren: „nicht zu nah am Feuer und nicht zu weit entfernt“.

Literatur
Mayes LC (2000) A developmental perspective on regulation of arousal states. Seminars in Perinatology 24:267-279

Taubner S (2015) Konzept Mentalisieren: Eine Einführung in Forschung und Praxis. Gießen. Psychosozial.

Taubner S (2008) Einsicht in Gewalt. Psychosozial Verlag Gießen

Fonagy P, Target M (2006) Psychoanalyse und die Psychopathologie der Entwicklung. Klett-Cotta, Stuttgart