Mentalisieren in der Psychotherapie 

Mehrere Studien zur mentalisierungsbasierten Behandlung vor allem von Borderline-Patienten haben auf hohem methodischen Niveau die Wirksamkeit dieses Ansatzes nachgewiesen. Dasselbe gilt für eine Studie zur mentalisierungsbasierten Behandlung mit Adoleszenten.

Die allgemeine Aussage von Allen beruht bisher auf den klinisch- therapeutischen Erfahrungen in der Behandlung von Patienten mit strukturellen Störungen, zum Beispiel der Behandlung von Patienten mit Beziehungstraumata (Allen 2013) oder den Erfahrungen in der stationären Behandlung der renommierten Menninger-Klinik. (Die Webseite der Klinik informiert darüber: www.menningerclinic.com).

Das Mentalisierungskonzept erhebt den Anspruch, grundlegende Aussagen über psychisches Erleben und die Regulierung von Emotionen treffen zu können. Ebenso zeigt das Konzept wichtige Aspekte von Resilienz und psychischer Gesundheit auf  (Allen & Fonagy 2009).

In der Psychotherapie und Beratung bei Beziehungsproblemen, in der Erziehungsberatung und bei schweren psychischen Störungen (z.B. Persönlichkeitsstörungen, Depression und Traumafolgen) scheinen sich die Erklärungsmodelle und Behandlungsansätze zu bewähren (Bateman & Fonagy 2012).

Unbestritten ist aber auch, dass die klinischen Erfahrungen noch der weiteren wissenschaftlichen Überprüfung bedürfen. Daraus sind weitere Differenzierungen des Konzeptes, aber auch Korrekturen zu erwarten. So ist die Reflective Functioning Scale (RF-Skala, Fonagy et al, 1998, s. a. Brockmann & Kirsch 2010) ein häufig verwendetes Instrument zur Erfassung der Mentalisierungsfähigkeit einer Person, aber ihre praktische Relevanz ist begrenzt. Auch die Einzelfallstudie der  SCPRGF (s. Projekte) bemüht sich um die Erforschung der Bedeutung mentalisierungsfördernder Interventionen für den Behandlungsverlauf.

Mentalisierungsbasierte Behandlung von Patienten mit Beziehungstraumata

Die mentalisierungsbasierte Perspektive  zur Behandlung von Traumata integriert psychoanalytische und  kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze im Kontext der Bindungstheorie (Allen 2013). Die zentrale therapeutische Aufgabe ist ein Mentalisieren im Angesicht des Traumas, seiner Bedeutung und Auswirkungen. Der Fokus ist auf den Prozess der Mentalisierung beim Patienten gerichtet, nicht auf das traumatische Ereignis. Das innere Erleben ist die Gefahrenzone, die der Patient zu vermeiden versucht. Die Erarbeitung der Bedeutung und der Affekte durch fokussierte Fragen des Therapeuten und durch seine mitgeteilten Beobachtungen fördern die Formulierung eines kohärenten Narrativs durch den Patienten.

Jede Behandlungsform, die den Patienten in die Lage versetzt, so zu denken und zu fühlen, dass er dabei emotional eingebunden, aber nicht überwältigt ist, während er über das Trauma spricht, fördert und erleichtert Mentalisierung. 

Aus dieser Sicht können verschiedene Therapieansätze erfolgreich sein. Dies zeigen auch die Ergebnisse der Psychotherapieforschung. Den Behandlungsformen ist eine klare Struktur gemeinsam, und sie haben effektive Techniken zur Konfrontation mit dem Trauma. Diese Techniken sind insofern wirksam, als sie den Patienten in die Lage versetzen, das traumatische Erlebnis zu erinnern und gleichzeitig den Affekt und die Bedeutung im Bewusstsein halten zu können.

Depression und Mentalisierung

Depression ist eine äußerst heterogene Erkrankung in Hinsicht auf Symptomatik, Entstehung, Verlauf, Ansprechbarkeit auf therapeutische und medikamentöse Behandlung.  Eine große Anzahl von Studien hat jedoch die zentrale Rolle von interpersonalen Problemen und Defiziten bei depressiven Patienten nachgewiesen (Blatt & Luyten  2011).  Bei depressiven Patienten ist die Mentalisierungsfähigkeit dabei nicht generell beeinträchtigt (Staun et al. 2011). So ist es erklärlich, dass die Mentalisierungsdefizite bei depressiven Patienten erheblich differieren können.

Die Beeinträchtigung der Mentalisierungsfähigkeiten bei depressiven Patienten kann kontextabhängig sein (z. B. auftretend bei dem Thema Verlust oder Trennung), sie kann auch deutlich beeinflusst sein von der aktuellen Stimmung. Andere depressive Patienten wiederum scheinen hochsensitiv gegenüber ihren eigenen „mental states“ und denen ihrer Mitmenschen (Hypermentalisation) zu sein. 

Die Vulnerabilität gegenüber Depression ist nach Blatt et al. (2005) von Persönlichkeitsszügen bzw. kognitiv-affektiven Schemata (z B. Abhängigkeit, Autonomie und Selbstkritik) abhängig. Die kognitiv-affektiven Schemata von Abhängigkeit vs.  Autonomie/Selbstkritik wiederum hängen von Bindungserfahrungen ab.

Nach diesem Modell ist die Vulnerabilität für Depression bei ambivalenten als auch vermeidenden Bindungsstilen erhöht. Der ambivalente Bindungsstil überschneidet sich mit Aspekten von abhängigem Perfektionismus, der vermeidende Bindungsstil mit Aspekten von selbstkritischem Perfektionismus. (Blatt & Luyten 2009)

Literatur
Allen JG (2013) Mentalizing in the Development and Treatment of Attachment Trauma. Karnac Books London

Allen, J.G., Lemma, A.; Fonagy, P. (2015 ): Trauma. In: Bateman, A.W., Fonagy, P. (Hrsg): Handbuch Mentalisieren. Gießen. Psychosozial. S.477-506.

Blatt SJ, Luyten P, Corveleyn J (2005) Zur Entwicklung eines dynamischen Interaktionsmodells der Depression und ihrer Behandlung Psyche – Z Psychoanal. 59: 864-891

Kirsch H, Brockmann J & Taubner S (2016) Praxis des Mentalisierens. Klett-Cotta Vlg. Stuttgart.

Luyten P & Blatt SJ (2011) Integrating theory-driven and empirically-derived models of personality development and psychopathology : a proposal for DSM V. Clin Psychol Rev 31: 52-68

Schultz-Venrath U. (2013) Lehrbuch Mentalisieren. Klett-Cotta, Stuttgart.

Staun L (2017) Mentalisieren bei Depressionen Klett-Cotta, Stuttgart

Staun L, Kessler H, Buchheim A, Kächele H, Taubner S (2011) Mentalisierung und chronische Depression Psychotherapeut 55, S. 299-305