Epistemisches Vertrauen

Das epistemische Vertrauen wird in der neueren Entwicklung des Mentalisierungskonzepts zu einer zentralen Größe (Fonagy et al. 2014, 2015). Für Fonagy (2017) öffnet es eine Entwicklung der Psychoanalyse von der Triebtheorie über die Bindungstheorie hin zu einer Kommunikationstheorie.

Epistemisches Vertrauen ist das basale Vertrauen in eine Person als sichere Informationsquelle (Sperber et al. 2010, Wilson & Sperber 2012).

Diese Definition ist unscheinbar, aber sie hat es in sich. Zwei Beispiele:

+ Unser Geburtsdatum kennen wir nicht aus unserer eigenen Erfahrung, aber wir sind darüber ziemlich sicher. Personen, denen wir vertrauen, haben es uns gesagt und es stimmt mit anderen Informationen, die wir haben überein.

+ Wir wissen nicht wie das WLAN funktioniert, aber irgendjemand hat uns gesagt, wie man es findet und benutzt. Unterstützt von unserem kulturellen Wissen, können wir es dann für uns verwenden.

Unsere Welt ist voller komplexer Anforderungen, die Dinge sind nicht selbsterklärend, so dass wir auf Personen als sichere Informationsquellen angewiesen sind. Dabei fungieren „Türöffner“ (sog. Ostensive“ Zeichen/Hinweise) als Trigger für epistemisches Vertrauen. Von Geburt an öffnen Blickkontakt, geteilte Aufmerksamkeit und „Ammensprache“ Kommunikationskanäle, die die Aufmerksamkeit lenken und das Vertrauen des Kindes in die Wichtigkeit und Generalisierbarkeit von Informationen (Csibra & Gergerly 2009, 2011) fördern.

Epistemisches Vertrauen und Bindung

Kinder von ca. 5-6 Jahren sollen entscheiden ob ein Phantasietier (z.B. 75% Pferd und 25% Kuh) ein Pferd oder eine Kuh ist. Die Mutter und eine fremde Person benennen nun das Objekt unterschiedlich. Die Mutter nennt es z. B. eine Kuh, die fremde Person ein Pferd. Die Studie geht der Frage nach, welche Entscheidung das Kind trifft, beeinflusst vom Kommentar der Mutter bzw. der Bezugsperson. Es zeigt sich, dass die Bindungserfahrungen des Kindes mit seiner Mutter einen starken Effekt auf die Entscheidungen des Kindes haben. Kinder, die sicher gebunden sind, antworten flexibel. Sie bevorzugen die Aussage der Mutter, aber trauen der eigenen Wahrnehmung, wenn die Aussage der Mutter vom objektiven Bild abweicht. Unsicher gebundene Kinder trauen insgesamt der eigenen Wahrnehmung weniger als sicher gebundene Kinder. Besonders unsicher-desorganisiert gebundene Kinder geraten in eine epistemische, angstgesteuerte, intensive Wachsamkeit („epistemic hypervigilance“), da sie weder sich selbst noch den andern (Mutter, fremde Person) vertrauen können.

Corriveau et al. 2009

 

Mentalisieren bedeutet den oder die Anderen im Blick haben („Holding mind in mind“). Diese Perspektivenübernahme führt dazu, dass sich das Gegenüber wahrgenommen fühlt und das epistemische Vertrauen gefördert wird. Epistemisches Vertrauen und Epistemische Vigilanz (Wachsamkeit) ermöglichen soziales Lernen und die Weitergabe von kulturellem Wissen.

Epistemisches Vertrauen erwerben wir als Kind besonders gut, wenn wir in einer sicheren und vorhersehbaren Umgebung aufwachsen. Sichere Bindung und affektive Resonanz bedeutender Bindungspersonen erleichtern den Erwerb von epistemischen Vertrauen. Epistemisches Vertrauen ist die Grundlage der Entwicklung eines Selbst, das sich als selbstwirksam erlebt. Es ist die Grundlage zur Entwicklung von Mentalisierung (s. Abb. 1) und sozialer Intelligenz.

Abb. 1 (in Anlehnung an Fonagy 2017)

Mentalisierung ist dabei nicht Selbstzweck, sie erweitert die Möglichkeiten sozialen Lernens erheblich. Die Mentalisierungsfähigkeiten wirken wiederum positiv auf den Erwerb und Stabilisierung von epistemischem Vertrauen und epistemischer Vigilanz.

Bei einer ungünstigen Entwicklung (s. Abb. 2) stehen am Anfang des Lebens zum Beispiel Vernachlässigung, Gewalt oder sexuelle Missbrauch. Bedeutende Bezugspersonen, auf die das Kind angewiesen ist und ohne deren Unterstützung das Kind verloren ist, werden als nicht berechenbar, schlimmstenfalls als bedrohlich und feindselig erlebt.

Abb. 2 (in Anlehnung an Fonagy 2017)

Bei dieser Erfahrung ist die Entwicklung von epistemischem Vertrauen eingeengt, eine extreme Wachsamkeit (Hypervigilanz) entsteht. Im Selbst wird durch die widersprüchlichen Erfahrungsanteile der Aufbau kohärenter Strukturen erschwert. Anteile eines „Fremden Selbst“ bilden sich verstärkt. Auf dieser Basis wird die Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit eingeschränkt. Dies führt zu einer erhöhten Vigilanz. Epistemisches Misstrauen ist häufig mit einem schnellen Wechsel zu einer erhöhten Leichtgläubigkeit verbunden (Kosugi & Yamagishi 1998, Yamagishi 1999). Personen mit einem hohen Misstrauen können weniger auf eigene Explorationserfahrungen und ihre Ergebnisse zurückgreifen (Yamagishi 2011, 2001). Zusammen mit der Einschränkung der Mentalisierungsfähigkeit wird das soziale Lernen erschwert.

Diese theoretischen Zusammenhänge haben in der Therapie sehr praktische Konsequenzen: Wenn z. B. ein Patient in einer Therapie kontinuierlich misstrauisch, oder nicht aufnahmewillig erscheint, sollte der Therapeut in Erwägung ziehen, ob nicht das epistemische Vertrauen stark eingeschränkt ist. Die Annahme, dass es am „guten Willen“ des Patienten liegt, ist eine Deutung, die zwar für den Therapeuten eine gewisse Entlastung liefert, aber in die Irre führen kann. Nicht der Patient ist schwierig, der Patient ist nur für den Therapeuten schwer zu erreichen.

Literatur

Corriveau K, Harris P, Meins E, Fernyhough C, Arnott B, Elliott L, Liddle B, Hearn A, Vittorini L, de Rosnay M (2009) Young Children’s Trust in their mother’s claims: Longi-tudinal links with attachment security in infancy. Child Development 80 750-761

Csibra G & Gergely G (2009) Natural pedagogy. Trends in Cognitive Sciences 13 148-153

Csibra, G., & Gergely, G. (2011). Natural pedagogy as evolutionary adaptation. Philosophical Transactions of the Royal Society of London. Series B, Biological Sciences, 366 (1567), 1149– 1157. doi:10.1098/rstb.2010.0319

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Fonagy P, Luyten P, Allison E, Campbell C (2017b) What we have changed our minds about: Part 1. Borderline personality disorder, epistemic trust and the developmental significance of social communication. BioMed Central articles  Borderline Personality Disorder and Emotion Dysregulation 4:9, https://doi.org/10.1186/s40479-017-0062-8

Fonagy, P; Luyten, P; Allison, E; (2015) Epistemic Petrification and the Restoration of Epistemic Trust: A New Conceptualization of Borderline Personality Disorder and Its Psychosocial Treatment. J Pers Disord , 29 (5) pp. 575-609. 10.1521/pedi.2015.29.5.575 

Fonagy P, Allison E. (2014) The Role of Mentalizing and Epistemic Trust in the Therapeutic Relationship. Psychotherapy. 2014; 51/3:372-380. doi:10.1037/a0036505

Sperber, D. A. N., Clément, F., Heintz, C., Mascaro, O., Mercier, H., Origgi, G., & Wilson, D. (2010). Epistemic vigilance. Mind & Language, 25, 359–393. doi:10.1111/j.14680017.2010.01394.x

Wilson, D., & Sperber, D. (2012). Meaning and relevance. Cambridge: Cambridge University Press.

Yamagishi, T. (2001). Trust as a form of social intelligence. In K. Cook (Ed.), Trust in society New York: Russel Sage Foundation, 121-147.

Yamagishi, T., Kikuchi, M., & Kosugi, M. (1999). Trust, gullibility, and social intelligence. Asian Journal of Social Psychology, 2(1), 145–161.

Yamagishi T. (2011) Trust and Social Intelligence. In: Wakeman I., Gudes E., Jensen C.D., Crampton J. (eds) Trust Management V. IFIPTM 2011. IFIP Advances in Information and Communication Technology, vol 358. Springer, Berlin, Heidelberg

Kosugi M., Yamagishi T. (1998). General trust and judgments of trustworthiness. The Japanese Journal of Psychology, 69, 349-357. (in Japanese)

Rotter, J. B. (1980). Interpersonal trust, trustworthiness, and gullibility. American Psychologist, 35, 1-7.